Geschlechtsdysphorie bei Kindern und Jugendlichen

Amerikanische Ärzte warnen vor Pubertätsblockern und Hormonbehandlung

Ein Bericht von Christl R. Vonholdt

Wir verordnen sehr schädliche Therapien auf der Grundlage, dass es gar keine objektive Diagnose gibt.

Michael Laidlaw, Endokrinologe[1]

Was ist Geschlechtsdysphorie?

 Geschlechtsdysphorie gibt es bei Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen. In den Medien wird meist von Transgender oder Transidentität gesprochen. Anders als bei Intersexualität sind Personen mit Geschlechtsdysphorie biologisch gesunde Mädchen oder Jungen: Ihre Chromosomen sind eindeutig weiblich (XX) oder männlich (XY); ebenso sind ihre primären und sekundären Geschlechtsmerkmale eindeutig weiblich oder männlich.

Geschlechtsdysphorie gehört zur Kategorie der psychischen Störungen.[2] Personen mit Geschlechtsdysphorie haben den Eindruck, dass ihre empfundene „Geschlechtsidentität“[3] nicht mit ihrem biologischen Geschlecht übereinstimmt. Für die Vorstellung, dass Transgender-Empfindungen angeboren wären, gibt es keine wissenschaftliche Basis. Möglicherweise können biologische Faktoren die Entwicklung einer Geschlechtsdysphorie begünstigen, sie legen diese Entwicklung aber nicht fest. Psychosoziale Faktoren spielen immer auch eine Rolle. Einen objektiven Test (Gentest, andere Labortests, MRT) zum Nachweis einer Geschlechtsdysphorie gibt es nicht; Geschlechtsdysphorie bleibt aus wissenschaftlicher Sicht letztlich ein vages Phänomen.

Kinder und Jugendliche mit Geschlechtsdysphorie haben starken Wunsch, zum anderen Geschlecht zu gehören oder hegen die subjektive Überzeugung, „eigentlich“ zum anderen Geschlecht zu gehören. Sie zeigen eine große Abneigung gegenüber dem eigenen Körper, insbesondere gegenüber den Geschlechtsmerkmalen ihres Körpers. In der Regel bevorzugen sie stereotyp Kleidung und Verhaltensweisen des anderen Geschlechts und vermeiden konsequent und meist zwanghaft Kleidung und Verhaltensweisen, die sie als typisch für das eigene Geschlecht ansehen. Jugendliche äußern oft, dass sie im „falschen Körper“ leben oder ihren Körper hassen, was zu selbstverletzendem Verhalten führen kann.[4] Zur Diagnose gehört, dass die Betroffenen erheblich darunter leiden, dass sie eine Beeinträchtigung in ihren sozialen, schulischen oder sonstigen Funktionsbereichen erleben und dieser Zustand mindestens 6 Monate anhält. Auffallend ist, dass es in den letzten Jahren zu einer rasanten Zunahme der Diagnose „Geschlechtsdysphorie“ bei Kindern und Jugendlichen gekommen ist, was vielfältige Gründe hat, einer davon sind Fehldiagnosen, ein anderer „soziale Ansteckung“.[5]

Die Richtlinien der „Endocrine Society“

In der Vergangenheit wurde bei Geschlechtsdysphorie entweder beobachtend abgewartet oder eine Psychotherapie angeboten. Heute werden zunehmend drastische medizinische Eingriffe durchgeführt, um den Körper äußerlich möglichst weit an das „Wunschgeschlecht“ des Patienten anzupassen. Die neuen Richtlinien der internationalen Organisation „Endocrine Society“, die auch in Deutschland zunehmend befolgt werden, sehen vor, dass Kinder mit Geschlechtsdysphorie ab dem Alter von 10-12 Jahren sogenannte Pubertätsblocker[6] erhalten. Ab dem Alter von 16 Jahren, in Einzelfällen auch früher, werden gegengeschlechtliche Hormone empfohlen, also Testosteron bei Mädchen, Östrogene bei Jungen.[7] In der Realität, so Pressemitteilungen, werden diese Maßnahmen aber bei noch jüngeren Kindern durchgeführt. 17-jährige Jungen, die Pubertätsblocker erhalten, haben dann die Penisgröße von 9-jährigen. Bei minderjährigen Mädchen, die zwanghaft ihren Körper ablehnten, wurden schon beidseits die gesunden Brüste entfernt.[8]

Der Protest der Kinderärzte und Endokrinologen

Gegen die neuen Richtlinien der Endocrine Society gab es jetzt entschiedenen Protest einiger amerikanischer Kinder- und Jugendärzte und Endokrinologen.[9] In einer aktuellen Stellungnahme vom März 2019 befinden Michael Laidlaw und seine Kollegen: „Geschlechtsdysphorie bei Kindern und Jugendlichen ist kein endokrinologisches Phänomen. Es wird aber künstlich eines daraus gemacht, indem man Pubertätsblocker und hohe Dosen gegengeschlechtlicher Hormone verabreicht.“[10] Die Folgen dieser Therapie sind ein deutlich erhöhtes Risiko für sexuelle Funktionsstörungen, Thromboembolien, geringere Knochendichte, Herzkreislauf- und Krebserkrankungen sowie für eine dauerhafte Sterilität.[11]

Es gibt keine objektiven Kriterien, betont Laidlaw, weder Labortests noch bildgebende Verfahren (wie etwa MRT) noch andere objektive Verfahren, um einen „echten Transgender-Zustand“ bei einem Kind oder Jugendlichen festzustellen. Die meisten Kinder, nach derzeitigen Statistiken 61% bis 98%, wachsen von selbst aus ihrer Geschlechtsdysphorie heraus, wenn man ihnen die Möglichkeit dazu gibt.[12] Es gibt aber keine Möglichkeit vorauszusagen, wer von den Kindern herauswachsen wird und wer nicht.

Die Richtlinien der Endocrine Society sehen vor, dass körperlich gesunde Kinder im Alter von 10-12 Jahren Pubertätsblocker erhalten, die die Reifung der Keimdrüsen verhindern und damit die Pubertätsentwicklung stoppen. Damit soll „Zeit gewonnen“ werden, um zu sehen, ob sich die Geschlechtsdysphorie bestätigt. In einer wegweisenden Studie aus den Niederlanden[13] mit Kindern zwischen 11 und 17 Jahren, die Pubertätsblocker erhielten, entschieden sich aber alle Kinder (100%), mit der Hormontherapie fortzufahren. Was sie in Wirklichkeit dabei „gewannen“, so Michael Laidlaw, waren geringere Knochendichte und eine lebenslange Abhängigkeit von medizinischer Behandlung.[14]

Wenn ein Kind Pubertätsblocker erhält, soll es sich gleichzeitig in der „sozialen Rolle“ des anderen Geschlechts üben, es wird mit einem Vornamen und Pronomen des anderen Geschlechts angeredet. Offensichtlich wird durch diese Maßnahmen das Transgender-Phänomen verfestigt, so dass die Chance für eine entwicklungsbezogene Überwindung der Geschlechtsdysphorie erheblich sinkt.

Wenn Kinder gemäß den Richtlinien im Alter von 10-12 Jahren (im Tanner Stadium 2) mit Pubertätsblockern beginnen, wird die Reifung der Samen- und Eizellen verhindert. Mit 16 Jahren erhalten sie gegengeschlechtliche Hormone. Wenn ihnen dann mit 18 Jahren oder später die Brust, die Eierstöcke und Gebärmutter oder aber Penis und Hoden entfernt werden, haben sie keine Chance auf biologischen Nachwuchs. Die Sterilität ist irreversibel.[15]

Die Richtlinien der Endocrine Society empfehlen bei Mädchen und Frauen eine Erhöhung der Testosteronwerte von normalerweise 10 bis 50 ng/dl auf 300 bis 1000 ng/dl. Diese Werte, so Laidlaw, findet man sonst nur bei Frauen mit androgen-produzierenden Tumoren. Bei Männern, die Östrogene bekommen, findet man ein fünffach erhöhtes Risiko für eine Thromboembolie.[16] 

Diese Therapien sind in hohem Maß gesundheitsschädigend

Michael Laidlaw und seine Kollegen konstatieren: Therapien mit Pubertätsblockern und gegengeschlechtlichen Hormonen „sind in hohem Maß gesundheitsschädigend. Die in den Richtlinien behauptete Beweislage hat nur eine geringe Qualität und die diagnostische Sicherheit ist dürftig. Die begrenzten Daten über Langzeitauswirkungen können keine Erfolge in Bezug auf die Verhinderung von Suiziden belegen.“  Laidlaw bezieht sich hier auf eine 2011 in Schweden veröffentlichte repräsentative Langzeitstudie. In ihr wurden 324 transsexuell lebende Personen, die alle eine chirurgische „Geschlechtsangleichung“ an ihr Wunschgeschlecht hinter sich hatten, befragt. Die Studie zeigt: Ab dem zehnten Jahr nach den Operationen nahmen die Suizidraten rasant zu, die Suzidraten waren dann fast zwanzigmal höher als in der Allgemeinbevölkerung.[17]  

Wie kann ein Arzt es ethisch vertreten, Pubertätsblocker und gegengeschlechtliche Hormone bei Kindern und Jugendlichen zu verordnen, so Laidlaw, „wissend, dass er damit eine beträchtliche Zahl von Patienten irreversibel schädigt?“[18]

Es braucht alternative Therapieangebote

In den Richtlinien der Endocine Society werden mögliche Psychotherapien für Geschlechtsdysphorie erst gar nicht erwähnt. Michael Laidlaw und seine Kollegen fordern aber genau das: Um der „wehrlosen und verwundbaren Patienten willen“ müssten alternative, psychologisch ausgerichtete Therapien intensiviert und systematisch evaluiert werden. In der wissenschaftlichen Literatur werden als mögliche psychosoziale Faktoren für die Entwicklung einer Geschlechtsdysphorie genannt:  Bindungsdynamik zwischen Säugling und Mutter; frühe chronische Bindungstraumata, die den sensiblen Säugling mit Stress überfluten, sodass sich nur ein unvollständiges inneres Bild vom „körperlichen Selbst“ entwickelt; Abwehr von als unerträglich empfundenen Ängsten beim kleinen Kind; frühe Trennungsangst bei Jungen; Psychopathologien bei der Mutter.[19] Der bis 2015 in Toronto arbeitende Therapeut Kenneth Zucker konnte bei vielen Kindern, die er vor der Pubertät psychotherapeutisch behandelte, Erfolge verzeichnen. Bei vielen von ihnen löste sich die Geschlechtsdysphorie im Verlauf der Psychotherapie vollständig auf.[20] Auf diesen Erfahrungen aufbauend, so Laidlaw, müssten neue brauchbare Hypothesen entwickelt und in klinischen Studien geprüft werden. „Psychologisch ausgerichtete Therapien sind eindeutig zu bevorzugen, sie schaden am wenigsten und bringen die größten Vorteile. Einer viel größeren Anzahl von Kindern und Jugendlichen würde das letztlich helfen.“[21]


[1] Michael Laidlaw: “We are giving very harmful therapies on the basis of no objective diagnosis.” Zitiert in:  https://thebridgehead.ca/2019/04/22/doctor-says-teen-trans-girls-getting-mastectomies-can-go-and-get-new-breasts-later-in-life-if-they-change-their-mind/ Aufgerufen 26.4.2019

[2] Siehe Liste der psychischen Störungen im DSM-5-Katalog. In Deutschland gilt derzeit nach ICD 10 noch der ältere Begriff der Geschlechtsidentitätsstörung, der aber nur noch selten verwandt wird.

[3] Anders als das klar definierte Konzept des biologischen Geschlechts ist das psychologische Konzept der „Geschlechtsidentität“ aus wissenschaftlicher Sicht vage und nebulös.

[4] Siehe dazu auch das SPIEGEL Interview mit dem Münchener Kinderpsychiater Alexander Korte: „Wir erleben einen enormen Zulauf an Jugendlichen, die ihr Geschlecht wechseln wollen“ vom 18.1.2019

[5] Siehe: Studie: „Alarmierender Anstieg von Transgender Wünschen bei Jugendlichen“ auf dieser Website: https://www.christl-r-vonholdt.de/

[6] Pubertätsblocker sind synthetische Analoga des Neurohormons Gonadotropin-Releasing-Hormon (GnRH).

[7] Hembree, W. C. Endocrine Treatment of Gender-Dysphoric/Gender-Incongruent Persons: An Endocrine Society Clinical Practice Guideline https://academic.oup.com/jcem/article/102/11/3869/4157558

[8] Siehe Fußnote 1.

[9] Laidlaw, M. K., van Meter, Q. L., Hruz, P. W., van Mol, A., Malone, W. J., Letter to the Editor: Endocrine Treatment of Gender Dysphoric/Gender Incongruent Persons: An Endocrine Society Clinical Practice Guideline”. J Clin Endocrinol Metab, March 2019, 104,3: 686-7.

[10] Laidlaw, M., ebd. Ristori, J.  Gender Dysphoria in Childhood Int Rev Psychiatry. 2016, 28 (1):13-20.

[11] Laidlaw, M. ebd. Er bezieht sich auf: Irwig, MS. Cardiovascular health in transgender people. Rev Endocrin Metab Disorder. 2018, 19 (3): 243-51.

[12] Laidlaw, M. ebd. Er bezieht sich auf Ristori, J.  Gender Dysphoria in Childhood Int Rev Psychiatry. 2016, 28 (1):13-20.

[13] Laidlaw, M., ebd. Er bezieht sich auf: De Vries, ALC. Puberty suppression in adolescents with gender identity disorder: a prospective follow-up study. J. Sex Med. 2011, 8 (8): 2276-83.

[14] Laidlaw, M., ebd.

[15] Auch ohne chirurgische Eingriffe sind die Folgen von Pubertätsblockern und gegengeschlechtlichen Hormonen keineswegs alle rückgängig zu machen. Hembree, a.a.O.  

[16] Laidlaw, a.a.O.

[17] Dhejne, C. et al., Long-Term Follow-Up of Transsexual Persons Undergoing Sex Reassignment Surgery: Cohort Study in Sweden. Publiziert: 22.2.2011. www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC3043071

[18] Laidlaw, a.a.O.

[19] Siehe: Allan Schore, zit. nach Nicolosi: Shame and Attachment Loss, 2008, S. 63; Allan Schore, Affect Dysregulation and Disorders of the Self, 2003, ab S. 235; „Transgender Identity Development“ in: APA Handbook of Sexuality and Psychology, 2014. „Geschlechtsidentitätsstörungen im Kindes- und Jugendalter“ in: Deutsches Ärztebl, 2008, 105 (48): 834-41.

[20] Zucker, KJ. A developmental, biopsychosocial model for the treatment of children with gender identity disorder. J Homosex. 2012, 59 (3): 369-97. – Auf Druck von Lobbygruppen verlor Kenneth Zucker Ende 2015 seinen Posten als Direktor der von der kanadischen Regierung finanzierten Gender Klinik in Toronto. Zuckers Ansatz galt als politisch nicht korrekt, die Klinik wurde geschlossen. Später erhielt er dafür zwar eine hohe Entschädigung der kanadischen Regierung. Die Klinik ist aber nach wie vor geschlossen.

[21] Laidlaw, M., a.a.O.